Haute Retour

Noch vor zehn Jahren wurden teure Designerstücke von den Nachlassverwaltern in die Kleidersammlung gegeben. Inzwischen floriert der Handel mit Vintage-Couture und ist zu einem Markt mit rasant steigenden Preisen geworden

von Julia Stelzner

Im Innovationsrausch der achtziger und neunziger Jahre musste es die neueste Stereoanlage, der gerade angesagte Trend oder eine kulinarische Revolution sein: Was zählte, war das Hier und Jetzt. Stets im Fokus war das Streben nach besseren Zeiten; von Nostalgie keine Spur. Mit der Jahrtausendwende veränderten sich die Bedürfnisse (nicht nur) im Luxussegment. Seitdem besinnen sich Käufer auf Preziosen aus vergangenen Jahrzehnten. Und wählen dabei eine Designepoche oder Stilrichtung, mit der sie sich am meisten identifizieren. Entscheidend für den Wertewandel: dass Tradition der schnellen Taktung von heute Halt gewährt.
Im 21. Jahrhundert ist der Faktor
„Heritage“ laut der Modehistorikerin und Ausstellungskuratorin Adelheid Rasche auch in der Mode angekommen. Die Konsequenz: Kleidung wird ebenso als kulturelles Kunstwerk wahrgenommen wie alte Möbel oder Malerei. Gerade seit der
Finanzkrise 2008 expandiert der Markt mit Moderaritäten. Vintage-Couture wird durch die außerordentliche, damals noch im Inland produzierte Verarbeitung und das hochwertige Material als verlässliche Investition gehandelt – für vergleichsweise wenig Geld. Doch die gestiegene Anzahl von Interessenten hat dazu geführt, dass sich die Preise im Vintage-Handel im Lauf der vergangenen fünf Jahre mehr als verdoppelt haben.

Einen präsenten Part nehmen dabei Museen ein, die Modedesignern und -häusern ganze Ausstellungen widmen. Zuletzt im Sommer 2010 das Pariser Petit Palais mit einer Yves-Saint-Laurent-Retrospektive, das Metropolitan Museum of Art in New York, das im Jahr 2005 Stücke von Chanel zeigte, oder 2004 das Victoria & Albert Museum in London mit einer Vivienne-Westwood-Schau. Hinzu kommen vereinzelte Museen, die allein dem Werk eines Designers gewidmet sind, zum Beispiel das Christian-Dior-Museum in Granville.
Gerade über diese Präsentationen wird historische Mode einer breiten Öffentlichkeit erschlossen. Bei der Akquise historischer Kleidung haben es die deutschen Museen allerdings schwer, berichtet Adelheid Rasche: „Das Angebot ist bei uns im Vergleich zu Frankreich oder England extrem klein. Dort gibt es fast monatlich Couture-Auktionen.“
Hierzulande haben erst wenige Auktionshäuser erkannt, dass sich nicht mehr nur mit Ming-Vasen, kubistischen Gemälden oder Pelzmänteln Geld verdienen lässt – so zum Beispiel das Münchener Galeriehaus Neumeister, das im Sommer 2010 eine „Vintage-Mode & -Accessoires“-Auktion ins Leben rief. Hingegen finden in London zweimal jährlich die „Passion for Fashion and Fine Textiles“-Auktionen sowie sechs kleinere Auktionen von Kerry Taylor statt. Die ehemalige Leiterin der Abteilung „Costume and Textiles“ bei Sotheby’s ist seit drei Jahrzehnten im Geschäft und versteigerte bereits die Garderoben von Audrey Hepurn, Daphne Guinness, Jerry Hall oder Prinzessin Diana gewinnbringend und pressewirksam.
Besonders ertragreich waren die Verkäufe eines Metallic-Kleids von Paco Rabanne aus dem Jahr 1967 für umgerechnet 10 600 Euro, eines Hosenanzugs von Thierry Mugler aus den Achtzigern für rund 17 700 Euro und eines Ensembles von Yves Saint Laurent (aus der im Petit Palais präsentierten „Russian Collection“) von 1976/77 für umgerechnet 24 000 Euro. Allesamt Einzelstücke für einen Platz in der Vitrine: Luxus aus Textil, nicht zum Tragen. Nach diesen Raritäten sehen sich in Taylors Auftrag spezielle Suchagenten europaweit um. Und hoffen, dabei auf die Kollektionen zu stoßen, die Kerry Taylor momentan zu den gefragtesten zählt: Yves Saint Laurent Rive Gauche oder die Couture der fünfziger Jahre, beispielsweise von Balmain oder Balenciaga.
Im aktuellen Angebot von „Kerry Taylor Auctions“ befinden sich deshalb auch einige Stücke aus ebenjener Linie Yves Saint Laurent Rive Gauche. Viele von ihnen beginnen schon ab einem Schätzwert von umgerechnet 175 Euro. Ein Preis, der für Privatkunden reizvoll ist, weil er günstiger ist als der eines Teils aus einer aktuellen Kollektion. Aber auch gerade für Inhaber von Vintage-Boutiquen interessant ist, die diese Liebhaberstücke teurer weiterverkaufen. Oder was noch rentabler ist: gegen eine beachtliche Summe an Museen, Stylisten und Prominente verleihen.
Eine dieser Boutiquen gehört Didier Ludot. Es ist ein schöner Shop in imposanter Lage zwischen der Oper und der Rue de Rivoli, angrenzend an den Palais Royale. Und ein beliebter Inspirationspunkt für Pariser Modeschaffende. Vor Ort erwarten den Besucher – man mag das elitären Nationalstolz oder feinste Selektion nennen – maßgeblich Roben von französischen Modehäusern wie Chanel, Louis Vuitton, Balmain, Dior, Yves Saint Laurent, Balenciaga oder Lacroix.
Auf der anderen Seite des Atlantiks, in New York, liegt mitten in Chelsea der Shop von Shannon Hoey, New York Vintage. Hier gehört es schon mal zum Geschäft, dass eine Vertreterin des saudi-arabischen Adels binnen weniger Stunden für 100 000 Dollar einkauft. Nicht weniger lukrativ ist es für Shannon Hoey, Einzelteile an Film- und TV-Produktionen wie „Sex and the City“ oder „Mad Men“ zu vermieten. Oder an Designer – oft für eine ganze Saison, um zu gewährleisten, dass die Quelle niemand anderem zur Verfügung steht. Die Leihgebühren hierfür multiplizieren den ursprünglichen Wert des Kleidungsstücks um ein Vielfaches. Eigens für diesen „Rental Service“ unterhält Hoey zusätzlich ein fast 500 Quadratmeter großes Archiv, das nur nach Termin zugänglich ist. Und dann auch nur für ein ausgewähltes Klientel.

Deutlich demokratischer ist der Verkauf von Vintage-Juwelen über das Internet. Nicht auf Ebay, denn hier scheint das anvisierte Preisspektrum zu klein für einen veritablen Fokus auf Luxusmode zu sein, sondern bei modeerfahrenen Portalen wie dem des Ateliers Mayer aus London. Der von Carmen Haid gegründete Online-Showroom transportiert das Studio ihrer Großmutter Klaudia Mayer, einer österreichischen Couture-Schneiderin, in die heutige Zeit. Und versammelt dort – neben einigen Möbelstücken und Kunstwerken – ein breites Sortiment an Kleidung, Schmuck und Taschen des 20. Jahrhunderts.
Dessen Kuration fällt Haid nicht nur wegen des familiären Erbes leicht, sondern auch aufgrund ihrer jahrelangen Erfahrung in den PR-Abteilungen von Yves Saint Laurent, der Gucci Group und Céline. Auf der Webseite stehen unter anderem ein Pelzmantel von Schiaparelli aus den fünfziger Jahren für umgerechnet 1 115 Euro, ein Pucci-Maxi-Dress aus den Siebzigern für ca. 520 Euro und eine Chanel-Perlenkette für rund 730 Euro zum Verkauf. Zu ihrem Kundenstamm zählt Haid großteils Privatkäufer, die von der freien Zugänglichkeit des Internets profitieren: „Unsere Kunden kommen aus der ganzen Welt. Modeliebhaber, Sammler und Kunstfreunde, die das einzigartige Handwerk, die Qualität und die Herkunft unserer Stücke schätzen.“
Seit ein paar Jahren hat auch eine neue Käuferschicht aus dem asiatischen Raum eine Vorliebe für das Vermächtnis westeuropäischer Modeschöpfer entwickelt und zur Dezentralisierung von vereinzelten Privatverkäufen beigetragen. Dabei dominieren nicht mehr nur die Vintage-Klassiker und Bestseller von Chanel oder Yves Saint Laurent den Markt. Progressive Designerstücke von Comme des Garçons, Helmut Lang oder Maison Martin Margiela aus den Achtzigern sowie seit Anfang 2010 auch die Kollektionen von Alexander McQueen stehen ebenso hoch im Kurs.
Die Preise für Vintage-Couture werden weiter steigen. Das „neue Kleidersammeln“ hat seine finanziellen Dimensionen noch nicht ausgeschöpft. Glücklich, wessen Großmutter viel Sinn für teure Kleidung hatte. Denn die Zeiten, in denen Flohmärkte vielversprechende Quellen für namhafte Vintagemode zu sein versprachen, sind so gut wie vorbei. Leider!

Datum:Ausgabe No. 12

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