Geschlossene Gesellschaft

Tresore sollen heutzutage nicht nur safe sein, sondern auch gut aussehen. Doch Schönheit hat bekanntlich ihren Preis: Besonders edle Stücke kosten so viel wie ein 911er Porsche

von Gerd F. Michelis

Da investiert man mal in echtes Edelmetall, nur um festzustellen, dass ein 500 Gramm schwerer Feingoldbarren – Wert: rund 15 000 Euro – kleiner ist als ein Smartphone. Deshalb allerdings der Versuchung nachzugeben, die matt schimmernde Geldanlage einfach unter einem Stapel T-Shirts im Kleiderschrank zu deponieren, wäre ein Fehler. Denn das Schlafzimmer ist immer der erste Raum, den Diebe durchsuchen.
Und jetzt, in der dunklen Jahreszeit, sind sie wieder verstärkt im Einsatz. 113 800 Einbruchsdelikte in Privatwohnungen verzeichnet die Polizeiliche Kriminalstatistik 2009 allein für Deutschland.

Schadenssumme: 318 Millionen Euro. Angesichts einer Aufklärungsquote von nicht einmal 17 Prozent erscheint es da sinnvoll, seine Schätze wirksam zu schützen. Erst recht, wenn man viele hat. Der Unternehmensberatung Boston Consulting zufolge gab es 2009 hierzulande 430 000 Millionärshaushalte – das sind 23 Prozent mehr als im Vorjahr. „Was Anfragen von Privatpersonen angeht“, berichtet Christoph Hartmann, Vorstandsvorsitzender der Hartmann Tresore AG in Paderborn, denn auch, „verzeichnen wir einen Anstieg von etwa 30 Prozent.“
u beobachten sei zudem ein Subtrend hin zu Designer- oder Luxussafes, die eher an Kunstobjekte oder Statussymbole erinnern als an nüchterne sogenannte Wertschutz­behältnisse. „Da diese Tresore nicht ganz billig sind, ist die Gruppe der Kunden, die dafür infrage kommen, naturgemäß eher klein.“ Dafür hätte diese aber sehr genaue Vorstellungen davon, wie ihr persönlicher Supersafe auszusehen habe. „Für eine Kundin haben wir einen Tresor mit rosa Perleffektlackierung gestaltet“, erzählt Hartmann. „Bolzen und Beschläge wurden aus Platin gefertigt, die Inneneinrichtung aus Edelholz. Alle Schubladen erhielten ein rosa Samtfutter sowie spezielle Ringhalter und Uhrenkissen.“
Dass die weiblichen Zielgruppen als Kaufentscheider eine immer größere Rolle spielen, wenn es um die Anschaffung ­eines Safes geht, konnte auch Urs Menzi beobachten, Geschäftsführer der Waldis Tresore AG im schweizerischen Rümlang: „40 Prozent unserer Kunden sind inzwischen Frauen, obere Einkommensklasse, ab 40, 50 Jahre alt.“ Und die mögen farblich auf ihre Einrichtung abgestimmte Hochglanztresore – „da steht sicherlich oft das Prestige im Vordergrund“. Ob sie dann allerdings auch, wie jene attraktive Brünette in einem Waldis-Video, ihre kostbare Pumps-Sammlung im Safe aufbewahren, darf bezweifelt werden.
„Geschäftsleute und Prominente, die im Großraum New York wohnen, haben oft umfangreiche Schmucksammlungen und viel Bargeld im Haus“, sagt Robert Tompkin, Präsident des Unternehmens Prestige Safe, das seit 1894 Banktresore verkauft. „Manhattan, Long Island und Westchester zählen zu den reichsten Gegenden des Landes. Die Leute hier wollen Hochsicherheitssafes, die einfach zu bedienen sind und mit der Einrichtung ihrer Schlafzimmer harmonieren.“
Und die liefert Robert Tompkin, auch mal hoch­glänzend in Zitronengelb. Und immer mit dem Prüfsiegel der Underwriters Laboratories (UL), die Tresore auf Einbruch- und Feuerschutz testen und zertifizieren. „Leider haben die meisten der im Markt angebotenen Heimtresore nicht diese Qualitäts­kontrolle durchlaufen“, sagt Tompkin weiter. Das seien dann jene Exemplare, die in diversen „Wie knacke ich einen Safe“-Videos auf YouTube die Hauptrolle spielten. „Die Leute kaufen Billigsafes in Baumärkten, Bürobedarfsläden oder im Internet und glauben dann, sie hätten ein Stück Sicherheit erworben.“
„90 Prozent aller Tresore auf dem Markt sind Schrott“, sagt auch der Schweizer Urs Menzi. Tatsächlich hält nur jeder zehnte Tresor, wie die Kantonspolizei Zürich ermittelt hat, einem Angriff stand. Viele der vermeintlich sicheren Aufbewahrungsbehältnisse werden noch vor Ort „mit roher Gewalt oder einfachen Hebelwerkzeugen“ aufgebrochen, die meisten aber zunächst abtransportiert – „darunter auch 600 Kilo schwere Kassenschränke“. In fast einem Viertel der Fälle finden die Täter versteckte Tresorschlüssel. „Kaufen Sie daher keinen Safe mit Schlüsselschloss“, rät Menzi. Andernfalls bestehe die Gefahr, dass die Einbrecher bei der Schlüsselsuche das gesamte Mobiliar zerlegen, was sie mit hoher Wahrscheinlichkeit allerdings auch dann tun, wenn sie gar keinen Safe bemerken. „Darum ist es wichtig, dass dieser gut sichtbar platziert wird“ – also weder getarnt noch im Keller versteckt. Stößt der Kriminelle nämlich sofort auf einen Tresor, denkt er, dass alle Objekte seiner Begierde dort konzentriert anzutreffen sind. „Also wird er versuchen“, so Menzi, „ihn zu öffnen oder mitzunehmen.“ Scheitert dies aber an dessen massiver Qualität und solider Verankerung, dürfte der Einbrecher das Haus nach wenigen Minuten wieder verlassen, höchst­wahrscheinlich ohne weiteren Schaden anzurichten.
Ganz oben auf der Luxusskala finden sich Safes, die so viel kosten wie ein Porsche 911 Turbo. Ein Unikat aus dem System „Hyas“ des Tresorherstellers Stockinger aus Neuried bei München liegt bei 145 000 Euro netto ab Werk. Je nachdem, wo auf diesem Planeten der glückliche Käufer das fast 900 Kilo schwere zweiflügelige Objekt aufgestellt sehen möchte, kommen nochmals bis zu 25 000 Euro Transportkosten hinzu. Hier drängen sich zwei, drei Fragen auf: natürlich nicht wegen des Preises – über Geld spricht man nicht –, sondern wegen des Gewichts. Wie viel träge Masse pro Quadratmeter hält denn eine durchschnittliche Zimmerdecke aus? Und ab wann sollte sich der potenzielle Safekäufer Gedanken über die Statik seines Hauses machen?
„Bei Neubauten wird es nur selten kritisch“, antwortet Waldis-Chef Urs Menzi, der mit dem Modell „WA First“ selbst ein 1,2-Tonnen-Monster im Angebot hat. „Tresore im oberen Gewichtsbereich werden zumeist auch baulich vorausgeplant – jedoch mehr wegen des Transports als wegen der Bodenbelastung“, die man im Übrigen immer in Relation zur Raumgröße sehen müsse. „Angenommen, ein zehn Quadratmeter großer Raum hat eine ­maximale Belastung von 250 Kilo pro Quadratmeter, dann beträgt die zulässige Bodenbelastung für diesen Raum 2,5 Tonnen.“ Auf der gleichen Fläche könnten auch 20 Personen stehen – Gesamtgewicht im Schnitt 1,6 Tonnen –, ohne Gefahr zu laufen, durchzukrachen.
Wie schwer muss ein Tresor sein, damit auf seine Verankerung verzichtet werden kann? „Grundsätzlich legen die Versicherer solche Bedingungen individuell fest“, antwortet Thomas Urban, Bereichsleiter Security von der VdS Schadenverhütung in Köln. „Ein wichtiger Grenzwert liegt aber bei 1 000 Kilo. Bei allem, was leichter ist, muss davon ausgegangen werden – das zeigen Erfahrungen der Polizei –, dass die Täter keine Mühen scheuen, die Behältnisse abzutransportieren, um sie an einem entfernten Ort in aller Ruhe aufzubrechen.“
Was ihnen aber nicht immer gelingt. „In 30 Jahren ist noch kein Stockinger-Safe geknackt worden“, erklärt Dominik von Ribbentrop, der seit 2003 die Geschäfte beim Neurieder Luxustresorbauer leitet. „Wir haben sehr hohe VdS-Klassifizierungen, ich kenne keinen sichereren Safe für Privathaushalte.“ Was seine Kunden in den USA zu schätzen wissen, denn dort ist Ribbentrop häufig unterwegs, hat erst kürzlich drei Safes in San Francisco ausgeliefert – „jeweils an Herren mit umfangreichen Uhrensammlungen“. Und weil automatische Uhren ständig bewegt werden müssen, damit die Öle in der feinen Mechanik nicht verharzen, gehen Luxussafes mit inte­grierten Uhrenbewegern – „einem Kunden haben wir 48 Stück davon in seinen Safe eingebaut“ – besonders gut.
Uhren bewegen auch die Kunden des österreichischen Unternehmens Buben & Zörweg, weswegen dessen Chef Christian Zörweg vor einem Jahr auf die Idee kam, eigens für passionierte Liebhaber exklusiver Chronometer einen Hochsicherheitssafe zu kreieren und ihn „X-007“ zu nennen. Und warum dieser Name? „Der Besitzer soll sich beim Anlegen seiner Uhr wie ein Geheimagent fühlen, der sich für einen Auftrag ausrüstet“, erklärt Zörweg. Deshalb auch der Clou des wie ein Kunstobjekt wirkenden Safes: Auf Knopfdruck fährt das Interieur nach oben und präsentiert dem „Agenten“ sein teures tickendes Spielzeug auf Augenhöhe.

Datum:Ausgabe No. 12

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