Der Kniff

Wer das Besondere sucht, ist bei Pinch richtig. Für die ausgetüftelten Designs kommen ausschließlich natürliche Materialien zum Einsatz – nordischer Schick auf die britische Art

von Sandra Piske

Die Geschichte von Pinch beginnt mit einem Missverständnis. Einem, wie sich später herausstellen wird, äußerst begrüßenswerten. 2004 stellt der Newcomer Russell Pinch auf der Messe 100% Design, damals im internationalen Vergleich relativ unbedeutend, in London eine Möbelkollektion aus. Er hofft, sich mit seinen handgefertigten Entwürfen bei den großen Herstellern zu empfehlen. „Ich dachte, so würden Designer arbeiten“, sagt der 37-Jährige und lacht. Aber die Möbelbosse lassen auf sich warten. Stattdessen bleiben Messebesucher, vor allem Architekten und andere Designer, an den besonderen Exponaten hängen und erkundigen sich nach den Preisen. Pinch, immer noch auf der Suche nach den großen Möbelfirmen, schickt sie mit der Ansage davon, dass die Stücke unverkäuflich seien. Als die Anfragen nicht abreißen, besinnt er sich eines Besseren und notiert die Namen der Interessenten. Am Ende der Ausstellung tragen Russell Pinch und seine Frau Oona Bannon eine beachtliche Liste mit potenziellen Kunden nach Hause. Außerdem haben sie den in Kooperation mit dem Magazin Blueprint verliehenen Best Newcomer Award im Gepäck. Und gründen ihr eigenes Label.

Russell war sehr mutig. Er verstand zwar den kommerziellen Aspekt von Design nicht, aber seine Entwürfe waren frisch, etwas Besonderes. Auf der Messe gab es damals keine wirklich kreativen Geister. Unsere Sachen stachen heraus“, erinnert sich Bannon. Während es bei Pinch in kaufmännischer Hinsicht noch einigen Nachholbedarf gab, hatte er als Gestalter einige der besten Schulen des Landes durchlaufen. Nach dem Studium am Ravensbourne College of Design heuert er bei Sir Terence Conran als dessen persönlicher Design-Assistent an. Dort bekommt er viele der Qualitäten mit auf den Weg, die ihn bis heute begleiten: vor allem eine Wertschätzung für natürliche Materialien und aufwändige Herstellungsprozesse. Während der fünfjährigen Anstellung trifft er Produzenten und lernt, wie ein Möbelstück Schritt für Schritt entsteht. „Wenn man das verstanden hat, kann man Möbel herstellen, die aussehen, als seien sie von menschlicher Hand und nicht an einem Computer entworfen. Ich denke, diese Erkenntnis habe ich Terence zu verdanken. Er war der Lehrmeister meines Lebens.“
Zwischen der Zeit bei Conran und der Gründung der eigenen Möbelfirma liegt eines der weniger begrüßenswerten Missverständnisse in Pinchs Lebenslauf. Damals gründet er die Branding-Agentur The Nest mit. Schon bei Conran hat er sich mit Markenauftritten beschäftigt, die eigene Firma in dem Bereich fühlt sich wie eine natürliche Entwicklung an. Im Lauf der Zeit stellt er 40 Mitarbeiter an, arbeitet an den Auftritten multinationaler Markengiganten wie British Airways, Rip Curl oder Selfridges und stellt schließlich fest: Die Arbeit macht ihm keinen Spaß. „Einerseits war es großartig, auf diesem Toplevel zu arbeiten, aber auch so ungemein anstrengend. Von solchen Firmen eine Entscheidung zu bekommen, dauert ewig. Nach fünf Jahren war ich mehr als bereit, diesen Weg wieder zu verlassen.“ Russell verkauft die Agentur. Zwar bekommt er keine Unsummen für die zu dem Zeitpunkt Verluste einfahrende Firma, aber immerhin genug, um in etwas Neues investieren zu können. Oona, die er bei The Nest kennengelernt und inzwischen geheiratet hat, verlässt die Agentur ebenfalls, um ihren Mann zu unterstützen.
Mit dem Erlös wollen die beiden etwas Kleines aufbauen. Etwas, das sich leicht anfühlt und woran sie mit Leidenschaft arbeiten können. Sie fahren die Möbelproduzenten aus der Zeit bei Conran von Essex bis Gloucestershire ab und lassen die erste Kollektion fertigen. Pinch geht durch rigorose Designprozesse, lässt Modelle im Maßstab eins zu eins anfertigen und verlässt sich nicht auf Computersimulationen. Es kommen ausschließlich natürliche Materialien, vor allem viel Holz, zum Einsatz. Der Designer beißt sich an Details fest, lässt erst locker, wenn die Türen seiner Sideboards butterweich und beinahe geräuschlos gleiten. Seine Möbel, hofft er, sollen ihn mit ihrer zeitlosen Gestaltung und hervorragenden Qualität überleben. An den Lehnsesseln und Sofas ist die Conran’sche Formenschule noch deutlich spürbar. Dass die neue Firma nur bedingtes Wachstumspotenzial hat, würde manch einen Unternehmer in den Wahnsinn treiben. Für Pinch ist es Teil des Konzepts. Jedes Stück wird mit den Produzenten besprochen, viele der Endkunden kommen eigens in das Südlondoner Studio, um sich die Möbel live und vor Ort anzuschauen. „In den meisten Fällen treffen wir unsere Kunden, was ich sehr schätze. Die Strukturen sind natürlich sehr überschaubar und nicht ewig auszudehnen. Aber wir finden das wunderbar.“
Sicher ist die Nähe zu seinen Kunden auch einer der Gründe für die vielen Dankesbriefe, die Oona und Russell erhalten. In einer Mappe verwahren sie die Schreiben auf, die so gut wie immer inklusive eines Fotos ankommen, das das Möbelstück im neuen Zuhause zeigt. Für das Ehepaar sind sie eine noch größere Bestätigung als die zahlreichen Designpreise, die dem ersten Award folgten. 2007 wurde die „Twig Bench“ aus kubistisch zusammengefügten Haselnusszweigen vom Magazin Sustain zum „nachhaltigsten Design­produkt“ erklärt, ein Jahr später bekam der verschachtelte Schrank „Armoir“ und im Jahr drauf der filigrane Sekretär „Yves“ die „Guild Mark for excellence in British Furniture Design“. Dazu sagt Pinch: „Preise zu gewinnen ist wundervoll. Eine professionelle Instanz scheint die eigene Arbeit gutzuheißen. Das macht, dass man noch mehr machen will.“

Datum:Ausgabe No. 12

Diesen Artikel kommentieren