Cut!

Vor vier Jahren hat Umberto Angeloni das Unternehmen Brioni verlassen. Er gründete das Label Uman, unterzog seine Zielgruppe einer genauen Untersuchung – und fand für seine Anzüge den perfekten Mann

von Ralf Strotmeier , Fotos von Lorenzo Vitturi

Mailand, Via Gesú 10 – im Epizentrum des Luxus residiert zwischen dem Versace-Hauptquartier und dem Four Seasons Hotel Umberto Angelonis neue Firma: Uman.
Angeloni (58) ist in der Welt der feinen Herrenschneiderei eine Ikone. Ein schlanker Mann mit feinen Zügen in dunkelblauem Nadelstreifendreiteiler, weißem Hemd und dunkelblauer Seidenkrawatte. Das volle graue Haar zurückgekämmt, von natürlicher Autorität – einer der komplexesten Charaktere in der italienischen Modeindustrie, mehr als nur geachtet.
Geboren in Rom, aufgewachsen in Somalia, studierte er Wirtschaft in Kanada und heiratete 1978 in den ­Brioni-Clan ein. Bevor er vier Jahre später in das 1945 von Gaetano Savini & Nazzareno Fantocoli gegründete Familienunternehmen einstieg, das er ab 1990 als CEO anführte, lehrte er zehn Jahre lang als habilitierter Professor Wirtschaftswissenschaften in Rom. Als Chef von Brioni, einer angesehenen, aber damals auch etwas an­gestaubten Angelegenheit, verwandelte er den Herrenschneider in eine Lifestyle-Luxusmarke. Mit allem, was dazu gehört: vom exklusiven Maßatelier bis zu Parfums und gar noch einer Damenkollektion. Wie kein anderer prägte er in dieser Zeit den Begriff des Power Suits, verlieh Pierce Brosnan alias James Bond die breiten Schultern, um die Welt zu retten, Politikern wie Gerhard Schröder und Michail Gorbatschow staatsmännischen Schliff und gab den Business-Bullys dieser Welt das nötige Rüstzeug für den täglichen Überlebenskampf an den Börsen. Eine Zeit, in der sich der Umsatz Brionis mehr als verzehnfachte.
Umberto Angeloni selbst ist weit davon entfernt, ein Bully zu sein. Ganz im Gegenteil. Er ist ein Italiener, wie ihn die Deutschen lieben, ein Kulturmensch, Bonvivant, Schöngeist. Der absolute Anti-Berlusconi.
Ende 2006 kam es über die Zukunft der Marke zu Kontroversen. Umberto Angeloni verließ Brioni. Dann nahm sich der Herr der Maßanzüge mehr als zwei Jahre Zeit, um der Welt seinen Coup zu präsentieren. Er recherchierte, sezierte und philosophierte. Ging der Geschichte der männlichen Bekleidung auf den Grund, nahm die Klassiker der Herren­mode auseinander. Studierte sie bis ins kleinste Detail und machte sich seine Gedanken über Sinn und Zukunft der männlichen Garderobe. Mit seinem Projekt „Uman“ – einem Kunstwort aus den beiden ersten Buchstaben seines Vor- und Nachnamens, was Angeloni frei als „Mann des Humanismus“ übersetzt, macht er sich nun daran, die Männermode, wie er es nennt, weiterzuentwickeln. Die Essenz der Maßschneiderei in moderne Konfektion umzusetzen, Klassikern der männlichen Garderobe aktuelle Relevanz zu verleihen, ohne dabei die Regeln zu verletzen. Denn um Revolution geht es ihm nicht.

Um das zu erreichen, hat er sich die angestrebte Zielgruppe sehr genau angesehen. Angeloni, der den Lounge Suit, den klassischen dreiteiligen Anzug also aus Jacke, Weste und Hose, als europäische Kulturleistung feiert und zum Mittelpunkt seiner Mission macht, hat folgerichtig den westeuropäischen Mann zum Prototypen Umans auserkoren. Und getan, was ein guter Schneider als Erstes tut, wenn er sich anschickt, einen Anzug zu machen – Maß genommen. Denn was nutzt der schönste Anzug, wenn er nicht passt?
Zu diesem Zweck steckte Angeloni mehr als 3 000 Körper athletisch gebauter, reicher, gebildeter Männer um die 40 aus den Metropolen London, Paris und Mailand in Bodyscanner und ließ sie milli­metergenau vermessen. Das Ergebnis war erstaunlich. Während der europäische Durchschnittsmann circa 175 cm groß ist und dabei einen Brustumfang von 102 cm und einen Taillenumfang von 92 cm hat, ist der U-Mann deutlich anders proportioniert: 180 cm groß, 100 cm Brustumfang bei 84 cm Taille – groß, schlank, definiert. Der Laser maß und formte ein Ebenbild. Das des perfekten Mannes: „Uman 03“, ein moderner Kouros, die Konstruktionsgrundlage für den Uman-Anzug. Elfenbeinweiß und makellos scheint er im Atelier zu schweben. Fehlenden Gliedmaßen wie Hände und Füße lassen den Avatar eher wie eine antike Statue aussehen, das Ideal einer längst untergegangenen Kultur, denn wie eine Schneiderpuppe. Im Ansatz Oldschool-Couture, in der Vision supermodern. Mit den detaillierten Körpermaßen des modernen Adonis konfrontiert, erkannte Angeloni die Parallelen zum Goldenen Schnitt, der universellen göttlichen Designlehre, dem Blueprint der Natur. Auf diesen Prototypen des modernen Mannes schneidet Angeloni seine Anzüge, die später wie auf den Körper gegossen aussehen.
Angeloni verzichtet auf die klassische Dreiteilung des Torso, lässt zu diesem Zweck Brust und Taillenabnäher in der Klappentasche auslaufen und verzichtet auf das Seitenteil, was seine Jacken weicher und weniger strukturiert aussehen lässt. Eine leichte Taillierung, die sanft den Körper nachzeichnet, eine weiche natürliche Schulter. Die Kombination aus perfekter Passform, hochwertigen Stoffen und handwerklicher Meisterschaft.
Ganz Römer, weiß der Meister jedoch, dass die Physis allein noch keinen Mann macht – „mens sana in corpore sano“ („In einem gesunden Körper sollte auch ein gesunder Geist wohnen“). Und der ist Angeloni mindestens genauso wichtig. Auch hier kennt sich der Herr bestens aus, weiß nicht nur über den Bodymaßindex seiner Kundschaft Bescheid, sondern auch über ihren Hintergrund, ihre Motivation, Vorlieben. Eine Tatsache, die dafür sorgt, dass sich die Anzüge so geschmeidig an das Leben eben dieser idealen Zielgruppe anpassen, wie sie es an ihre Körper tun. Und Angeloni gibt auch dieses Wissen bekannt. Keinesfalls schwammig, keinesfalls anbiedernd – dezidiert deutlich und das in Buchform.
Mit „the lexicon“, dem ersten Buch einer ganzen Reihe, verfasst Angeloni gleich seine Uman-Bibel, das Wieso, Weshalb, Warum, und erklärt die gesamte Marken-DNA. Das klingt jedoch nicht wie ein blumiger Marketingtext, sondern eher fordernd wie „Knigge 3000“. Unverhohlen beschreibt er eine Elite, die er als „the modern rich“ bezeichnet. Dem alten Geldadel hingegen misstraut Angeloni deutlich und schreibt ihn als zu unbeweglich und snobistisch ab. Ihn interessiert der junge Entrepreneur, der Mann, der es aus sich heraus durch harte Arbeit, Vision und Beständigkeit zu etwas gebracht hat – und sich und der Welt nichts mehr beweisen muss. Je deutlicher Umberto Angeloni hier wird, desto mehr muss man schlucken. Und begreift, wie spitz, wie konzentriert er seine Zielgruppe definiert. Geld allein macht noch keinen U-Mann. Der U-Mann ist, wie er selbst auch, ein „Renaissance Man“, der in vielen Bereichen erfolgreich ist und status skills Statussymbolen vorzieht. Je länger das Gespräch mit Angeloni andauert, desto offensichtlicher wird, dass er selbst das Vorbild des U-Manns ist und seine eigenen Ansprüche formuliert, die man getrost als extrem anspruchsvoll bezeichnen kann.

Herr Angeloni, Sie hätten doch alles Mögliche machen können. Was interessiert Sie – nach Brioni – noch an der Mode, dass Sie ihr treu bleiben und selbst ein Label gegründet haben?
Ich wollte nichts komplett Neues machen, sondern bei dem bleiben, was ich kann und kenne. In erster Linie sehe ich mich aber als Entrepreneur, als Gründer und Unternehmer, dass ist meine eigentliche Passion.

Wäre es nicht einfacher gewesen, eine alte Marke zu kaufen, wie es zum Beispiel Matteo Marzotto mit Vionnet getan hat, und diese wieder aufzupeppen? Warum etwas Neues machen in einer Zeit, in der alle möglichst Heritage wollen?
Mich interessiert das Produkt und nicht eine Marke. Ich wollte die Freiheit haben, ein Produkt nach meinen Kriterien zu schaffen. Einer alten Marke mit Parfums, Sonnenbrillen, Accessoires und viel Marketing wieder auf die Beine zu helfen, interessiert mich nicht.

Dank Ihnen steht Brioni wie keine andere Marke als Synonym für den Power Suit, das männliche Rüstzeug schlechthin. Was unterscheidet Uman stilistisch davon?
Abgesehen von der Technik, die wir nutzen, ist Uman moderner, zielgruppenspezifischer und definitiv kein Power Suit. Ganz im Gegenteil ist der Uman Lounge Suit maskulin und verleiht natürliche Autorität. Er ist aber auch romantisch und poetisch.

Würden Sie Uman als Mode beschreiben?
Nein, Uman ist keine Mode im klassischen Sinn, noch interessiert sich der U-Mann wirklich für Mode. Es geht auch nicht um Schnelllebigkeit oder Saisons, es geht um Werte und Nachhaltigkeit. Uman ist die Vision des zeitgenössischen Mannes.

Wer genau ist dieser zeitgenössische Mann, der ideale Uman-Kunde?
Er ist der moderne, reiche, westeuropäische Mann um die 40 – sportlich fit, gebildet, gepflegt, der seinen Reichtum durch harte Arbeit und Vision zusammengetragen hat. Wir nennen den Uman-Mann aber nicht Kunde, sondern Individuum.

Gibt es einen Künstler oder Schauspieler, der ein ideales Testimonial wäre?
Nein! Ein Celebrity ist mit Sicherheit kein geeignetes Testimonial für Uman, ganz im Gegenteil. Ich möchte Uman kein bestimmtes Gesicht geben. Deshalb wird es auch keine Werbung, keine Schau geben. Die Männer, die Uman entdeckt haben, verstehen und tragen, sind die Stars, kein gemieteter Hollywoodschauspieler.

Mit dem Finden nehmen Sie es besonders ernst – für Uman haben Sie sich zunächst sechs Verkaufspunkte weltweit ausgesucht, u.  a. Braun in Hamburg. Eine Verknappungsstrategie, die ein Haus wie Hermès wie einen Massenartikler aussehen lässt.
Mit Ausnahme der USA, wo wir in San Francisco und New York vertreten sind, wird es für Uman pro Land jeweils nur einen Händler oder Shop geben, das reicht. Natürlich ist Exklusivität wichtig.

Zusammen mit Ihrer Weigerung, Ihre Marke zu bewerben, ist das wie die Suche nach der Nadel im Heuhaufen – nicht gerade entgegenkommend.
Würde ich Uman in Modemagazinen bewerben, wäre der potenziell interessierte Mann schlagartig nicht mehr interessiert. Was in der Werbung ist, was ein sogenannter Celebrity schon anhatte, will der ideale U-Mann nicht. Es hätte eher den gegen­teiligen Effekt. Uman funktioniert über
Mund-zu-Mund-Propaganda, eine Form der Werbung, die ich für die nachhaltigste und vertrauenswürdigste halte. Sie fragen Ihre Freunde doch auch nach dem besten Zahnarzt der Stadt, oder?

Während andere Luxusmarken ihren Zuwachs und ihre Zukunft längst in Schwellenländern wie China, Indien oder Russland sehen, haben Sie bewusst den europäischen Mann als Prototyp gewählt, zumindest physisch. Ist das nicht ein Problem? Wie kann eine (Pass-)Form in, okay, fünf Größen der ganzen Welt passen?
Da mögen Sie vielleicht recht haben, aber der Anzug ist nun mal eine westeuropäische Kulturleistung und funktioniert auch vor diesem Hintergrund am besten. Außerdem haben die Männer, die ich kleiden möchte, aufgrund ihres aktiven Lebensstils eine vergleichbare Physis. Der Uman-Anzug wird aber nun mal nicht jedem passen – nicht für jeden sein.

Sie nennen Ihre Anzüge „bespoke“, was eigentlich „maßgeschneidert“ bedeutet. Ihre Anzüge sind aber von der Stange, kosten mit ca. 2 000 Euro auch nur ein Drittel eines Maßanzugs. Ist das heutzutage wirklicher Luxus?
Ja, moderner Luxus, zumindest für den Mann, den ich kleide. Es geht nicht um Dekadenz, sondern um Verhältnismäßigkeit. Um Wert, nicht um Preis. Der moderne reiche Mann weiß sehr wohl um Preis-Leistung und möchte ernst genommen und nicht ausgenommen werden. Er liest keine Modemagazine und möchte also auch nicht für Anzeigen bezahlen. Und die Anzüge sind „bespoke“!

Bezüglich ihrer Herstellung sowie der Tatsache, dass sie für den idealen Uman-Träger maßgeschneidert sind, nicht aber individuell angefertigt.
In der Tat! Genau das bedeutet „bespoke“: maßgeschneidert, nicht individuell angefertigt. Das assoziiert man nur damit.

Im Mittelpunkt Ihrer Vision steht der Lounge Suit – der klassische dreiteilige Anzug. Versuchen nicht immer mehr Männer, eben diesem zu entkommen und sich lässiger, bequemer und sportlicher zu kleiden? More casual?
Mag sein, aber das hat nichts mit einem Mann, wie ich ihn sehe, zu tun. Auch nichts mit Eleganz und Kultur. Auf mich wirkt das manchmal eher nachlässig, sich und seiner Umwelt gegenüber. Respektlos! Ich mag eine gewisse Disziplin und die Idee des „dressing up“.

„Eleganz“ ist ein Wort, das Sie im Zusammenhang mit Männern nicht scheuen. Sie beschreiben Uman mit „Elegance and Style!“. Ist Eleganz wirklich ein zeitgenössisches Attribut des modernen Mannes?
Durchaus! Warum sollte der moderne Mann nicht elegant sein? Eleganz und Männlichkeit sind keine Gegensätze. Und mit Eleganz meine ich nicht dandyhaft.

Was genau meinen Sie mit Eleganz?
Anmut. Die Kombination aus Gepflegtheit, einem sportlich agilen Körper und einem eigenen Stil, der sich innerhalb der Regeln bewegt. Aber was wäre das alles ohne den entsprechenden Geist – Bildung, Esprit, Attitüde?

Attitüde – wirklich?
Ja, Attitüde bedeutet für mich, der begrenzten Formensprache eine persönliche Note zu verleihen. Sie beschreibt lediglich das Wie: wie sich der Mann präsentiert.

Neben „Eleganz“ und „Attitüde“ finden sich noch andere Worte in Ihrem Vokabular, Uman zu beschreiben. Worte, die man nicht zwangsläufig mit der Herrenmode in Verbindung bringt, wie „romantisch“ und „poetisch“.
Durchaus, aber eigentlich benutze ich diese Worte in erster Linie im Zusammenhang mit der Kollektion, dem emotionalen Wert der Uman-Produkte bzw. ihrer Farbe.

Apropos Farbe, Uman gibt es in Blau, Blau und Blau. Meist Dunkelblau. Reicht das heutzutage?
Absolut! Blau beschreibt die funktionale und intellektuelle Komplexität Umans am präzisesten. Für mich ist die Farbe Blau praktisch, modern, exzentrisch und eindeutig dem kulturellen Repertoire des Abendlandes zugehörig. Außerdem beschreibt Goethe in seiner 1808 erschienenen Farbenlehre Blau als Farbe, die kreative Unruhe, Zärtlichkeit und Nostalgie – also die fruchtbarsten Gemütszustände eines Künstlers – ausdrückt. Blau ist das neue Grün.

Herr Angeloni, wer es ausführlich mag, kann ausgiebig in Ihren Büchern schmökern, die Sie zu jedem neuen Kleidungsstück, das Sie der Uman Kollektion hinzufügen, publizieren. Wie würden Sie Uman in aller Kürze beschreiben?
Der perfekte Gentleman.

Datum:Ausgabe No. 12

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