Mit Brief und Siegel

Lol, ic, plz: Verkürzung avanciert in Zeiten von SMS und Chat zur Meisterschaft. Doch ein von Hand gefülltes Blatt Papier wartet mit Vorteilen auf. Mal verführerisch-klug, mal banal-pragmatisch sind die Schriftstücke, die Hellmuth Karasek in einem Buch versammelt hat

von David Baum

Die New York Times hat kürzlich angekündigt, ab circa 2012 nur noch im Netz zu erscheinen. iPad und Kindle werden immer mehr zu Tatsachen, und Postboten müssen sich damit abfi nden, dass sie keine parfümierten Liebesbriefe mehr durchs Land tragen, sondern hauptsächlich Steuerbescheide – das digitale Zeitalter ist nun mal ganz auf seiner Höhe angekommen. Wer befürchtet hatte, dass durch E-Mail & Co. das Schreiben an sich aus der Mode käme, hat sich aber dennoch getäuscht. Den ganzen Tag wird in Blogs, StudiVZ-Chats oder Twitter-Statusmeldungen getippt, und nicht selten ist dort Originelles zu lesen. Aber findet sich auf Facebook auch Glühendes wie der Satz „Sie haben mir eine zweite Jugend verschafft und mich wieder zum Dichter gemacht, welches zu sein ich so gut als aufgehört hatte …“, wie Goethe an Schiller schrieb?

Tatsächlich entwickelt das Handgeschriebene, das brieflich Festgehaltene einen anderen Duktus, was nun den Autor und Reich-Ranicki-Kompagnon Hellmuth Karasek veranlasst hat, beim Verlag teNeues eine Reihe ins Leben zu rufen, die den Brief als solchen ehrt und seiner sprachlichen Wirkung ein Denkmal setzt: „Briefe bewegen die Welt“ heißt das Opus in 160 Seiten, Hardcover. Dabei geht es nicht nur um Staatsmännisches, wie etwa den Streitverkehr zwischen Konrad Adenauer und Theodor Heuss über die deutsche Nationalhymne, um Dramatisches wie Sophie Scholls letzten Brief an ihren Freund vor ihrer Verhaftung oder Banales großer Geister wie Bertolt Brecht, der sich zwei Kästen Bier im Monat per eindringlicher Anschreiben sichern möchte.

Auch das eher vom zeitgenössischen Liebesgeplänkel zwischen Jana Pallaske und Tom Weitemeier ist zu finden, wenn er ihr schreibt: „strawberry, du klingst wunderbar.“

Illustriert sind die Bände mit unzähligen Faksimiles sowie Portraitaufnahmen des Fotografen Philipp von Hessen. Und vielleicht hilft das Werk tatsächlich mit, dass der eine oder andere wieder einmal zum Füllhalter greift – und für den Brief an sich nicht gilt, was Heinrich von Kleist für sein Leben in einem Schreiben an seine Schwester konstatierte: „ . . . die Wahrheit ist, dass mir auf Erden nicht zu helfen war.“

Datum:Ausgabe No. 10

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