Eyes Land

Sieben Tage zog der Fotograf Daniel Josefsohn durch Island, nur mit dem notwendigsten ausgestattet: Ein Model, die Winterkollektion von Bless und seiner neuen Leica S2. Purer und authentischer kann Modefotografie nicht sein

von Adam Goodman , Fotos von Daniel Josefsohn


In der Mitte entspringt ein Fluss: BLESS N°40 WHATWASITAGAIN Ultrawidepleated (Hose)

Das Wesen der Dinge: BLESS N°40 WHATWASITAGAIN Ultrawidepleated (Hose)

Dachgartenfest: BLESS advanced Scarf by Cleo Dersy

In der Wolle gefärbt: BLESS N°37 NEWSHEHEIT 3d Skolpen (Sweater)

Landschaftsmalerei: BLESS N°37 NEWSHEHEIT Furhelmet (Kopfbedeckung)

Auf alle Fälle: BLESS N°37 NEWSHEHEIT Sleeveclothtight (Ärmelpaar)

Auf Fels gebaut: BLESS N°40 WHATWSITAGAIN Pleatedbrother (Hose), Princecharles (Jacket)

Unter Dampf: BLESS N°40 WHATWASITAGAIN Highjeansscarf (Hose)

Im Eismeer: BLESS N°37 NEWSHEHEIT B/W Skolpen (Sweater)


Bless is more


Das Berliner Designlabel Bless gilt auch bei der 40. Kollektion als modische Avantgarde. Die Designerinnen Ines Kaag und Desiree Heiss stellen Gesetze infrage und designen ein Lob auf die Veränderlichkeit

Fast jeder Weg auf Island ist auf seine eigene Weise steinig. Wie ein scheues Tier steht eine Frau in der Landschaft, im Hintergrund rumort ein Geysir. Wie im Zeitraffer ziehen Wolkenungetüme über die Insel hinweg. Fast sieht es so aus, als wäre die ganze Landschaft einmal erdacht worden, um der Herbst/Winter-Kollektion von Bless No. 40 als Kulisse zu dienen. Ideal ist sie allemal.
Die Schroffheit und der Aggregatzustand des Flüchtigen, das Wilde und das Urbare könnten auch Attribute für die Arbeit der Bless-Designerinnen Ines Kaag und Desiree Heiss sein. Der Berliner Fotograf Daniel Josefsohn begleitet das Designduo seit seiner Gründung 1997 fotografisch und hat sich mit Model und Kollektionsstücken auf eine Rundreise nach Island begeben. Mit den Ergebnissen wird sich Leica auf der diesjährigen Fotokina in Köln präsentieren. Wie Bless steht auch bei Josefsohn die Inszenierung von Gegenständen im Zentrum – mit dem Menschen als Skulptur. Oder, wie es die New York Times formulierte: Bless zeigt, dass alles veränderlich und überraschend sein kann. Ganz wie das Wetter auf Island eben.
Diesem Prinzip folgte Bless auch bei der Präsentation der neuen Kollektion in Paris, die wie gewohnt Mode für die Nomaden der Moderne sein will. Models übten Kickboxen, durch die jeweils ausgeführten Schläge erhielt ein Computer Signale, die er in Wörter umwandelte. „Kickboxing Poetry“ nennt sich das und wirkt wie eine Zeitreise in die Frühzeiten des literarischen Dadaismus.
Nicht minder experimentell und grundsätzlich stellt das Duo die Gesetzmäßigkeiten des Kleidens infrage. Eine Jacke wird auf ihren Ärmel reduziert, eine Hose über eine andere gezogen, ein Schal und eine Weste symbiosieren zu einer neuen Einheit. Und natürlich fehlt dabei auch ein Mantel nicht, zu dem angenähte Boxhandschuhe gehören. Das ist gute alte Bless-Tradition, seit ihrem ersten legendären Kleidungsstück, jener Fur Wig, die 1996 als Anzeigenmotiv in diversen internationalen Trendmagazinen wie i-D oder Purple die Modewelt auf den Kopf stellte. Kein Wunder, dass die Werke der beiden Frauen, die sich 1993 als Modestudentinnen bei Frankreichs großem Wettbewerb „concours international des jeunes créateurs de mode“ in Paris kennengelernt haben, rasch auch die gängigen Bahnen der Modebetrachtung verlassen haben. Das, was Bless so entwirft, gilt auch bei kritischen Betrachtern des Crossover von Fashion und Art als Konzeptkunst, ohne dabei mit allzu viel Programmatik überladen zu sein. „Ein Konzept gibt es nicht, das ist eher eine Lebenshaltung“, sagt Ines Kaag. „Wir machen einfach nur, was wir wollen. Wenn wir etwas ausprobieren möchten, probieren wir es aus. Wir machen neben Mode auch Objekte und Möbel, und vielleicht bauen wir ja auch mal ein Haus. Wir wollen uns da nicht einschränken.“ Im Moment sind Kreationen von Bless in gleich mehreren Ausstellungen zu sehen, darunter im Kunsthaus Graz, im Museum für Moderne Kunst in Frankfurt und auf der Design-Biennale in St. Etienne. Die Haarbürste, aus der blonde Damenhaare quillen, könnte so oder so ähnlich ein Klassiker von Marcel Duchamp sein.
Die frühere Zusammenarbeit mit Designern wie Martin Margiela, Markus Wente oder Samuel de Goede ist nicht zu verleugnen; wie diese sprengen sie die starren Begriffe von Stil und Mode und führen Alltagsgegenstände in die Mode ein, um Kleidungsstücke und Gebrauchsobjekte wiederum neu zu überdenken. Dinge des täglichen Lebens wie Computerkabel werden auf ihre Alltagstauglichkeit hin gecheckt, um mit einem neuen Auftritt in eigenständiger Form definiert zu erscheinen. Oder eben Teil von etwas anderem zu werden.
In unserem Falle haben sich die Stücke in isländische Landschaft verwandelt. Und das wirkt so logisch, als wäre das eine ohne das andere nie denkbar gewesen.

Datum:Ausgabe No. 9

Eine Antwort zu “Eyes Land”

  1. [...] N°40 ‘WHATWASITAGAIN’ collection for ‘Eyes Land’ images inside Quality Magazine. Trust Bless- these images are so [...]

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