Zurückgelehnt

Mit keinem Objekt haben sich Designer mehr beschäftigt als mit Sitzgelegenheiten. Im April wird man auf der Möbelmesse in Mailand wieder tolle neue Entwürfe sehen. Das ist schön. Wir finden die alten (und jungen) Klassiker aber schöner

von Asia Kornacki , Fotos von Marcus Gaab


45 CHAIR von FINN JUHL
Finn Juhl gilt als Pionier des dänischen Designs. Ein Status, den er sich unter anderem mit dem „45 Chair“ sicherte, benannt nach dem Entstehungsjahr. Einerseits überzeugt das Modell durch tolles Handwerk, vor allem aber ist das einer der ersten Stuhlentwürfe, der sich mutig von der Tradition entfernte – indem er den Sitz samt Rückenlehne vom Holzrahmen löste. Es gibt den „45“ in Eiche, Walnuss oder Teak; Bezug entweder aus Leder oder handgewebter Seide von Hanne Vedel, Spindegarden. Preis: ab 6.415 Euro, in Deutschland exklusiv über Wohnkultur 66

PRETZEL CHAIR von VITRA
1952 entwarf George Nelson den Stuhl aus Formsperrholz, der zuerst den Namen „Laminated Chair“ trug. Aufgrund der geschwungenen Arm- und Rückenlehne bekam er bald aber seinen bis heute gültigen Spitznamen: „Pretzel Chair“. Wegen der aufwändigen Fertigungstechnik wurde er nach wenigen Jahren bereits aus dem Programm genommen und so zum echten Sammlerobjekt. Anlässlich des 100. Geburtstags des Designers hat Vitra den „Pretzel Chair“ nun noch mal aufgelegt – in einer auf 1.000 Stück limitierten Edition. Preis: 1.768 Euro (über www.minimum.de)

SHELL CHAIR (CH07) von CARL HANSEN
Der dreibeinige Sessel des Dänen Hans J. Wegner wird aufgrund seiner Form auch „The Smiling Chair“ genannt. Die flügelartige Linie verleiht dem Entwurf von 1963 nicht nur eine besondere Leichtigkeit, sondern bietet auch hohen Sitzkomfort – die perfekte Fusion von „form and function“. Doch auch dieser Stuhl wurde zeitweise nicht mehr produziert, bis er in den neunziger Jahren kurz wiederaufgelegt wurde. Nun gibt es seit 2008 eine auf 250 Stück limitierte Edition aus Zebrano-Holz und braunem Spezialleder von Carl Hansen. Preis: 4.196 Euro (über dopo_domani)

LOOS CAFÉ MUSEUM 1899 von GEBRÜDER THONET VIENNA
Dieser Klassiker gehörte zur Innenausstattung des berühmten Wiener „Café Museum“, das der Architekt und Designer Adolf Loos im Jahr 1899 gestaltet hat. Der Entwurf ist an den klassischen Wiener Kaffeehausstuhl „214“ von Michael Thonet aus dem Jahre 1859 angelehnt, in seiner Form jedoch leicht abgewandelt. In den dreißiger Jahren wurde das „Café Museum“ sträflicherweise neu ausgestattet – doch seit dem Jahr 2003 ist die ursprüngliche Gestaltung Loos‘ wiederhergestellt. Inklusive der richtigen Stühle. Preis auf Anfrage (über www.thonet-vienna.de)

BASEL von VITRA
Mit dem „Basel“-Stuhl spielt Jasper Morrison auf die Gattung des klassischen Holzstuhls an, wie er seit rund 150 Jahren in großer Vielfalt industriell produziert wird. Der Entwurf von 2008 für Vitra brachte aber vor allem eine Neuerung: Die Sitz- und Rückenlehne des Stuhls werden aus Kunststoff gefertigt und können somit stärker organisch verformt werden. Das wiederum hat zur Folge, dass der Stuhl im Vergleich zu seinem Vorbild aus Holz noch flexibler ausgeführt werden kann. Die moderne Variante eines Klassikers. Preis: 252 Euro (über www.minimum.de)

LCW von VITRA
Der von Charles und Ray Eames 1945 entworfene „Lounge Chair Wood“, kurz LCW, gehört zur Plywood-Chairs-Familie. Diese entstand als Ergebnis einer langjährigen Suche des Ehepaars Eames nach neuen Möbelbauverfahren, mit denen man starre Materialien endlich den Formen des menschlichen Körpers besser anpassen konnte. Beim LCW sind Sitz, Rücklehne und Fußgestell aus dreidimensional verformtem Schichtholz und heute wieder, wie zur Markteinführung vor über sechzig Jahren, auch mit Lederbezug erhältlich. Preis: ab 1.095 Euro (über www.minimum.de)

SWAN von FRITZ HANSEN
Die kurvig geschwungenen Linien gaben „The Swan“ seinen ikonenhaften Status. Arne Jacobsen entwarf ihn im Jahr 1958 für die Lounge des Kopenhagener SAS Royal Hotel, die Jacobsens architektonisches und gestalterisches Meisterwerk ist: Von der Wandkonstruktion über die Möbelstücke bis zu den Aschenbechern gestaltete Jacobsen wirklich alles. Den Schwan gibt es seit zwei Jahren wieder in einer – passenderweise auf 1.958 Stück limitierten – Auflage von Fritz Hansen, unter anderem in der perlweißen Ledervariante. Preis: 7.780 Euro (über dopo_domani)

LOUNGE CHAIR von VITRA
Der wohl berühmteste Entwurf des Ehepaares Eames steht unter anderem im New Yorker MoMA, taucht unzählige Male in Filmen auf und hat seine eigene Fanseite. Charles und Ray Eames schufen verschiedene Vorstufen des Lounge Chair, doch den ersten in der bis heute bekannten Form verschenkten sie 1956 – an Billy Wilder. Ursprünglich gab es ihn nur in dunkelbraunem Furnier mit schwarzem Ledersitzbezug, später kamen weitere Varianten hinzu – die jüngste ist diese im Januar 2010 aufgelegte Version in Nussbaum. Preis: ab 4.800 Euro (über www.minimum.de)

PIRKKA von LAUKAAN PUU
Der finnische Designer Ilmari Tapiovaara, einst Schüler von Alvar Aalto und Le Corbusier, hatte eine fast schon fixe Idee: Die meiste Zeit seiner Berufstätigkeit verwendete er darauf, den perfekten Mehrzweckstuhl zu erfinden. Für seine Entwürfe wurde er mehrfach ausgezeichnet, alleine in der Zeit zwischen 1951 und 1960 erhielt er sechs Goldmedaillen der Mailänder Triennale. Mit dem „Pirkka“-Stuhl kam Tapiovaara dem Ideal sehr nahe; er entstand im Jahr 1956 als Teil eines Sitzprogramms aus Stuhl, Hocker und Sitzbank. Preis auf Anfrage (über Appel Design Gallery)

POSTSPARKASSE ARMLEHNSTUHL von GEBRÜDER THONET VIENNA
Otto Wagners Architektur prägte das Erscheinungsbild der Stadt Wien zur Jahrhundertwende. Das schaffte er durch ein einziges Haus, sein Hauptwerk – das Gebäude der Postsparkasse, das zwischen 1903 und 1912 errichtet wurde. Wagner entwarf nicht nur den Bau, sondern auch die Innenausstattung. Dabei entstand 1906 der „Postsparkasse Armlehnstuhl“, der nicht nur aufgrund seiner minimalistischen Form, sondern auch wegen der sichtbaren Aluminiumbeschläge eine gestalterische Pionierleistung war. Preis auf Anfrage (über www.thonet-vienna.de)

PK9 von FRITZ HANSEN
Die drei Teile des Gestells fließen zu einer Säule zusammen und tragen die mit Leder bezogene Sitzfläche: Aufgrund dieser Form wird der PK9 auch „Tulpenstuhl“ genannt und ist ein wunderbares Beispiel für Poul Kjærholms Suche nach der perfekten Form. 1960 hat der gelernte Tischler den Stuhl entworfen, wobei ihm seine Ehefrau zu Hilfe kam: Die Schale ist nämlich nach dem Sitzabdruck von Hanne Kjærholm im Sand am Strand geformt – und wurde erst später durch weitere Proben auf Lehmwürfeln optimiert. Preis: 3.720 Euro (über www.minimum.de)

EIKEN STOEL von PIET HEIN EEK
Der Niederländer Piet Hein Eek hat eine Schwäche für Materialien mit Patina – der Designer wurde in den frühen neunziger Jahren vor allem mit einer Serie monumentaler Schränke aus Abfallholz bekannt. Der Materialstil wurde zu seinem Markenzeichen, bei der Formgestaltung aber bleibt Piet Hein Eek bis heute schlicht. Funktionalität und Qualität stehen an erster Stelle, so wie bei dem in Serie gefertigten Unikat „Eiken Stoel“: Der Stuhl wird aus gesammeltem Abbruchholz hergestellt und dann in Hochglanz lackiert. Preis: 570 Euro (über Birgit Lakke Einrichten)

CH24 von CARL HANSEN
„Eine gut durchdachte Konstruktion ist an sich schon dekorativ“, sagte einst der 2007 verstorbene Hans J. Wegner, der im Jahr 1949 den CH24 entwarf. Besser bekannt ist der Stuhl als „Wishbone Chair“ oder „Y Chair“, was auf seine einzigartige Rückenlehne zurückzuführen ist. Es ist das erste Modell, das der Möbeldesigner für Carl Hansen & Søn entworfen hat, es war der Grundstein für eine jahrzehntelange Zusammenarbeit. Der CH24 ist in verschiedenen Holzvarianten und mit einer Sitzfläche aus Papierschnur erhältlich. Preis: 605 Euro (über www.minimum.de)

SWIVEL von HAIMI
Nach einigen Versuchen mit Sperrholz gelangen dem finnischen Designer Yrjö Kukkapuro im Jahr 1961 seine ersten Stuhl Prototypen aus Kunststoff – und schließlich im Jahr 1964 der Entwurf dieses Sessels, dessen Sitzschale nach Kukkapuros eigenem Körper geformt ist. Der „Swivel“ aus Fiberglas und braunem Leder gilt als kleiner Bruder des Folgemodells „Karuselli“, das es mit seiner Space-Optik bis in die Fernsehserie „Raumschiff Orion“ schaffte – aber nicht halb so elegant ist wie der „Swivel“. Preis auf Anfrage (über Appel Design Gallery)

Datum:Ausgabe No. 5

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