Die besseren Hälften

Geschwister, die zusammenarbeiten, haben einen entscheidenden Vorteil: Alles bleibt in der Familie, alles wird geteilt. Das Geld, die Kritik, der Ruhm, die Last.

von Asia Kornacki und Titus von Lilien , Fotos von David Dennan , Fernando Laszlo , Natali Arefieva , Noshe , Rainer Holz

Geschwister, die zusammenarbeiten, haben einen entscheidenden Vorteil: Alles bleibt in der Familie, alles wird geteilt. Das Geld, die Kritik, der Ruhm, die Last. Im schlimmsten Fall kann sich das auch als größter Nachteil entpuppen. Aber nicht bei unseren liebsten Brüdern und Schwestern aus Kunst, Musik und Design


Ronan und Erwan Bouroullec
Möbeldesigner

Vor zehn Jahren, als die ersten Entwürfe des bretonischen Brüderpaares kursierten, rätselte man außerhalb Frankreichs erst mal, wie eigentlich ihr Nachname ausgesprochen wird. Das war dann auch schon das einzige Rätsel: Dass Ronan und Erwan Bouroullec Erfolg haben würden, schien von Anfang an klar – ihr Hang zum Minimalismus, die Liebe zur industriellen Ästhetik, die ostentative Einfachheit ihrer Entwürfe passte schon damals bestens in die Zeit. Obwohl sie noch immer angenehm bescheiden über ihre Arbeit und den Ruhm sprechen, spielen sie heute längst in der Design-Topliga. Entdeckt hat sie einst Giulio Cappellini, er gab den Brüdern ihren ersten Auftrag. Magis, Vitra, Ligne Roset folgten. Wohn- und Büromöbel, Vasen oder Porzellan-Geschirre, die die Bouroullecs entwerfen, verbergen oft auf den ersten Blick ihre Funktion – eine Vase etwa sieht schon mal wie ein Aquarium aus. Spielerische, organische Formen sind immer noch das Markenzeichen der Brüder, ihre retrofuturistisch-verblubbten Regal-Raumteiler „Brick“ und „Cloud“ sind heute schon Klassiker. Ihre Zusammenarbeit, sagen sie, sei ein endloser Dialog, der geprägt sei davon, dass sie sich eigentlich aus Prinzip uneinig sind. Ihren Nachnamen spricht man übrigens einfach so aus, wie man ihn schreibt.

Foto von Noshe


Rodarte
Modedesigner

Wer von Anna Wintour höchstpersönlich gelobt wird, kann schon mal mit dem Geldzählen anfangen: Die legendäre, legendär undurchsichtige Chefredakteurin der amerikanischen Vogue macht Karrieren, sie protegierte zum Beispiel Marc Jacobs schon früh – und auch Kate und Laura Mulleavy bekamen Wintours Segen. Nach gerade mal vier Jahren im Modegeschäft sind die Schwestern, beide modische Autodidakten, bereits die Lieblinge Hollywoods, der New Yorker Hipster und der internationalen Presse. Ihr Label „Rodarte“ benannten sie nach dem Mädchennamen ihrer Mutter. Angefangen hat alles im Elternhaus in Pasadena, Kalifornien. Von dort aus verschickten sie einst eine ganz besondere Art von Lookbooks: Papierpuppen mit sieben Kleidern und drei Mänteln. 2005 ließen sie dann erstmals reale Modelle in harlekin-artigen Kleidern aus Chiffon und Seide über den Laufsteg der New York Fashion Week stolzieren. Colette in Paris, 10 Corso Como in Mailand, The Corner in Berlin und die großen Department Stores wie Neimann Marcus, Bergdorf Goodman, Barneys und Harvey Nichols reißen sich förmlich um die Kollektionen der Schwestern. Und weil Rodarte nicht unbedingt leicht tragbare Mode entwirft, sondern vielmehr hochartifizielle Arbeiten mit ausgefallenen Schnitten, skulpturalen Silhouetten und einer unglaublichen Detailverliebtheit, gehören einige der Kollektionsmodelle bereits zur permanenten Ausstellung des Metropolitan Museum of Art.


Reinhard und Wolfgang Voigt
Musikkünstler

Zeitgenössische Popmusik aus Deutschland ist oft so authentisch wie Reggae aus Grönland. Das seltsam schale Gefühl, das sich mit ihr so häufig verbindet, kommt wohl daher, dass sie so selten nur ihre spezifische Herkunft und Produktionsbedingungen auch mal musikalisch reflektiert. Gerade deshalb scheint die Idee des Kölner Technolabels Kompakt so attraktiv: Dessen Veröffentlichungen erzählen immer wieder dem Rest der Welt die Geschichte von einer Ferne, die Deutschland heißt. Den üblichen deutschen Rock- und Pop-Produktionen, die klingen wie die schlechte Kopie einer angloamerikanischen Kopie von irgendwas, setzt Kompakt eine Art halluzinogene Volkskultur im Viervierteltakt entgegen. Das Kompakt-Konzept der Brüder Reinhard und Wolfgang Voigt steht für qualitativ hochwertige elektronische Tanz- und Ambientmusik aus Köln; es ist der äußerst gelungene Entwurf einer unverwechselbaren Popmusik mit genuin deutschem Charme, die nicht im Geringsten deutschtümelt. Doch das endet nicht bei der Musik, auch die Titel der Veröffentlichungen wie „Auftrieb“, „Freiland“ oder „Speicher“ und das klare, puristische Design der Veröffentlichungen lassen Kompakt gerade im Ausland zur beliebten Projektionsfläche für eine perfekte, coole deutsche Corporate Identity werden. Viele Fans vergleichen Kompakt Köln mit dem Bauhaus Dessau. Die Wahrheit aber lautet: Kompakt ist das Meissener Porzellan der deutschen Musikproduktion.

Foto von Rainer Holz


Annette und Daniela Felder
Modedesigner

Abenteuerlust hat die deutschen Zwillingsschwestern Annette und Daniela Felder im Jahr 2002 dazu gebracht, als Mittzwanziger ihre Heimat zu verlassen. Sie reisten zunächst kreuz und quer durch Europa, Asien und Amerika, hielten sich mit Model-Jobs über Wasser, bis sie sich schließlich entschlossen, in London den Traum vom Modemachen wahr werden zu lassen. Wie es sich für ihre Generation gehört, ging es mit Praktika los: „internships“ beim Designer Robert Cary-Williams und dem Hutmacher Stephen Jones, danach das Studium an der renommierten Central Saint Martins, schließlich die erste Modenschau auf der London Fashion Week 2008. Ihr Label nannten sie „Felder – Felder“, ihre ersten Kollektionen machten Anspielungen auf den Grunge-Look der frühen neunziger Jahre und den Punk der späten siebziger Jahre: nietenbesetztes Leder, schwarze Minikleider, klare Silhouetten, strukturierte Schnitte. Ihre Zusammenarbeit, sagen die 31-Jährigen, funktioniere deshalb so gut, weil sie einfach nur „brutal ehrlich zueinander“ seien: „Es gibt keine falsche Höflichkeit.“ Mittlerweile sind die Entwürfe von Annette und Daniela Felder international bekannt, und so wie es sich ebenfalls für ihre Modemacher-Generation gehört, haben sie schon ein paar Stars als Fans: Gwyneth Paltrow und Courtney Cox unter anderem. Da kann eigentlich nichts mehr schiefgehen.

Foto von David Dennan


Fernando und Humberto Campana
Möbeldesigner

Die Campanas sind ziemlich verrückte Jungs – wer Sessel aus Hunderten von Plüschtieren oder einen Stuhl aus Seilen  entwirft, hat offenkundig Sinn für Humor. Die  Objekte haben stets einen Bezug zur Heimat von Fernando und Humberto Campana: Brasilien ist ihre Inspirationsgrube für Farben, für kreatives Chaos und vor allem den Triumph der einfachen Lösungen. Transformation und Neuerfindung sind das Hauptthema der Arbeiten der Möbeldesigner – sie benutzen oftmals recycelte Materialien, alltägliche Gegenstände oder gar Abfall, den die beiden auf den Straßen von São Paulo zusammensuchen. Der Zufall entscheidet sehr oft über das Endergebnis. Und der Zufall hat die Geschwister auch zum Design geführt, denn Humberto hat Jura studiert, Fernando ist eigentlich Architekt. Humberto entschied sich als Erster der zwei fürs Design, 1983 holte er dann seinen jüngeren Bruder dazu. Der Weg war zunächst mühsam, sie standen bald kurz davor, doch wieder alles hinzuschmeißen – als ein Anruf von Massimo Morozzi kam, dem Art Director des italienischen Möbelherstellers Edra.  Das war in den neunziger Jahren. Was danach kam: Projekte für Edra, Cappellini, Alessi, Camper, Vitra und kürzlich Lacoste, längst auch Ausstellungen in den wichtigsten Museen der Welt, im MoMa, im Centre Pompidou, im Vitra Design Museum.

Foto von Fernando Laszlo


Dean and Dan Caten
Modedesigner

Die Mode-Zwillinge Dean und Dan Caten sind die Designer hinter dem kreischigen Label „Dsquared2“. In nur wenigen Jahren haben die Kanadier sich als Superstars der Modebranche positioniert, längst sucht der globale Jetset die Nähe der beiden – früher war es natürlich umgekehrt. Das hyperaktive Duo ist das Innovativste, was Mailand seit der Neudefinition von Prada und Gucci in den neunziger Jahren hervorgebracht hat. Die erste Kreation der Brüder Caten war 1995 eine Frauen- statt zuerst eine Männerkollektion – ein Affront gegen die damaligen Gepflogenheiten in der italienischen Modeszene. Ihre Karriere starteten Dan und Dean vier Jahre zuvor als Schneider bei einem Katalogriesen in Toronto. Weil man in Italien nicht gerade auf zwei Mode-Möchtegerns aus dem Holzfäller- und Braunbärenmilieu gewartet hatte, schlugen sich die beiden erst mal im partyseligen Adria-Bad Riccione als Gogo-Dancer und Disco-Roadies durch. Als sie sich 2003 trauten, endlich eine Damenlinie nachzulegen, feierte Dsquared den endgültigen Durchbruch. Die Entwürfe der Brüder Caten gelten als mutig – Mut brauchen aber auch vor allem diejenigen, die sie tragen.

Foto von Natali Arefieva


Jake und Dinos Chapman
Künstler

Jake und Dinos Chapman gehören zu den wichtigsten Vertretern zeitgenössischer Kunst aus England. 1997 waren sie an der legendären Ausstellung „Sensation“ beteiligt, in der Charles Saatchi seinen Young-British-Art-Schützlingen – neben den Chapmans auch Damien Hirst und Tracey Emin – ein schlagzeilenträchtiges Forum bot. Grausam deformierte Menschenpuppen oder monströse Massakerinstallationen im Modelleisenbahnformat – die Kunst der Brüder ist schockierend und makaber, aber meist auch urkomisch. Dinos und Jake Chapman haben schon immer alles gleich gemacht: Beide studierten erst an der University of East London, dann am Royal College of Art, und zusammen waren sie Assistenten von Gilbert & George. Die beiden mittlerweile nicht mehr ganz so jungen Künstler – Dinos ist Jahrgang 1962, Jake vier Jahre jünger – haben sich zuletzt selbst zu Klassikern gemacht: Sie reproduzierten ihre berühmtesten Installationen und Skulpturen noch einmal selbst, als billige Pappmodelle. Diese sind noch bis zum 16. Januar in der lustig betitelten Galerieausstellung „Shitrospective“ bei Contemporary Fine Arts in Berlin zu sehen.

Datum:15.12.09 (Ausgabe 4)

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